Tag 54: Abflug

Abschied von Shanghai im Morgengrauen.

Heute heißt es Abschied nehmen von China, und das bedeutet: früh aufstehen! Um 6:30 Uhr geht unser Transfer zum Flughafen in Pudong und für die knapp 50 Kilometer muss man normalerweise eineinhalb Stunden einplanen. Aber es ist Sonntag und da sind wir in weniger als einer Stunde am Ziel. Das Einchecken läuft problemlos und nur bei der Handgepäckkontrolle gibt es ein kleines Problem, weil ich beim Leeren des Rucksacks doch mein Taschenmesser übersehen habe. Die Beamten sind freundlich und leiten mich wieder hinaus, damit ich mir ein kleine Tasche besorgen und das Taschenmesser noch aufgeben kann. Aber der Aufwand ist dann doch zu groß. Da verschenke ich das Messer lieber.

Der Abflug mit Austrian Airlines über Wien nach München verzögert sich zwar um fast eine Stunde (der Luftraum über Shanghai ist wie üblich überfüllt), doch am Ende kommen wir doch pünklich zu Hause an. Ein Abenteuer geht zu Ende und das hat Gitta in einer kleinen Rede zusammengefasst, die sie zum Abschied für unsere Gruppe halten sollte. Doch der Reiseleiter hatte auch noch andere gefragt und da sich der geplante Rahmen ganz anders als angekündigt darstellte, hat Gitta zugunsten eines anderen Mitreisenden verzichtet. Aber für unseren Blog ist die ungehaltene Rede ein passender Abschluss:

„Wer sein Haus verlässt und nach Wissen sucht, der wandert auf Gottes Pfaden. Und wer reist, Wissen zu finden, dem wird Gott, das Paradies zeigen.“ Wenn dieser Koranspruch stimmt, dann kommen wir alle ins Paradies. Denn wir haben unendlich viel gelernt in den vergangenen zwei Monaten. Ich kann hier nur für mich sprechen, aber ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel Fremdes gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen und gefühlt.
Wir haben Städte und Landschaften bereist, in die wir sonst vermutlich nie gekommen wären. Die Wälder von Belarus mit den kleinen Dörfern dazwischen, in denen die Straßen noch aus Sand sind. Die grandiose Weite der russischen Steppe und die wunderbare Stadt Astrachan. Die unberührte Natur des Wolgadeltas. Unvergesslich auch unsere erste hautnahe Berührung mit der Wüste Kasachstans. Die märchenhaften Städte Usbekistans. Kirgisistan, das Land, in dem die meisten gern ein, zwei Tage länger verweilt hätten, um die grünen Hochtäler und die atemberaubende Bergkulisse zu bewundern. Die lebhaften Oasenstädte Chinas, Dunhunang mit seinen hohen Sanddünen und zuletzt die Spuren des Goldenen Zeitalters des Reichs der Mitte.
Die Zeit-Experten haben uns dabei geholfen, all diese Eindrücke zu sortieren und einzuordnen. Und wenn es dabei Widersprüchliches gegeben hat, ist das doch sehr anregend. Sascha Sambuk hat uns die Zerrissenheit seines Heimatlandes Belarus geschildert, dank Michael Thumann ahnen wir zumindest, wie Putin tickt, Birgit Breuer hat uns immer wieder daran erinnert, dass Länder wie Kasachstan und Usbekistan Diktaturen sind. Frank Sieren und Liu Guasheng haben uns das neue China in glühenden Farben geschildert und so manche unserer vielleicht ein wenig von Skepsis und Angst geprägten Vorstellungen von diesem Land korrigiert, Lars Anke hat uns auch die Herausforderungen und Probleme Chinas aufgezeigt.
Und dabei wurden wir vom ersten Tag an von unseren Reiseleitern gepampert – so manche haben sich schon gefragt, ob wir zu Hause überhaupt in der Lage sein werden, allein eine Straße zu überqueren.
Und dass wir jeden Morgen gern und gut gelaunt in unseren Bus gestiegen sind, verdanken wir unseren Fahrern, die selbst in kritischen Situationen (zum Beispiel beim Rückwärtsfahren durch einen Basar) die Ruhe weghatten und meistens auch ihren Humor nicht verloren haben. Ich sag nur ‚Mäuschen, ich seh dich doch!‘.
Es war eine Reise, die unseren Verstand angeregt hat (ich sage nur Han, Tang, Song) und unsere Herzen berührt hat.

Team Hamburg sagt „she she“ und „zai jian“!

Hin in 51 Tagen – zurück in 14 Stunden: unsere Route von Hamburg nach Shanghai.

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Tag 53: Souzhou – Tongli

Wir haben uns entschieden, unseren Zusatztag in Shanghai nicht mit Shopping oder einem weiteren Rundgang durch die Altstadt zu vertrödeln und einen Extraausflug nach Suzhou gebucht. Die mehr als 2500 Jahre alte und von Kanälen durchzogene Stadt südlich von Shanghai wurde von Marco Polo „Venedig des Ostens“ genannt. Sie ist mit rund acht Millionen Einwohnern eine kleine Stadt, sagt Yang Deli („übersetzt: macht alles perfekt), unser lokaler Reiseleiter für diesen Tag. Er spricht recht verständliches Deutsch (hat er an der Schule gelernt und durch seine in Heidelberg lebende Schwester, die er regelmäßig besucht, verbessert).

Die Stadt Suzhou liegt  am Kaiserkanal, der längsten von Menschen geschaffenen Wasserstraße der Welt und inzwischen Weltkulturerbe. Mit einer Länge von mehr als 1800 Kilometern und einer Breite von bis zu 40 Metern verband der Kanal den Norden Chinas (Peking) mit dem fruchtbaren Mündungsgebiet des Jangtsekiang. Dabei muss er einen Höhenunterschied von 42 Metern überwinden, ist 3 bis 9 Meter tief und gilt als das Meisterwerk der Wasserbaukunst im alten China. Erste Teile sind schon vor 2400 Jahren entstanden, und um 600 war er zu einem ganzen Netz von Kanälen gewachsen. Mussten die Schiffe zunächst noch über Rutschen und Rampen die Höhenunterschiede überwinden, wurden ab dem Jahr 984 nach und nach Schleusen – auch das eine Erfindung der Chinesen – gebaut. Endgültig fertig war der Kaiserkanal allerdings erst im 13. Jahrhundert.

Doch damit genug der trockenen Zahlen und dafür noch etwas zum Thema Essen, zu dem wir durch unseren Begleiter noch Dinge erfuhren, die für uns neu waren. Zum Beispiel sahen wir unterwegs viele Gänse, und deren Fleisch wird hier nicht wie bei uns im Winter, sondern im Sommer gegessen, und das kalt und gerne mit Reis. Verzehrt wird fast alles. So lieben die Chinesen Gänse-, Enten- oder Hühnerfüsse und auch Hals und Kopf. „Alles, was Sport macht“, sagt unser Begleiter, also der Bewegungsapparat und das Muskelfleisch. Die Brust gibt man dagegen dem Nachbarn als Futter für Hund oder Katze. Fleisch ohne Knochen ist deshalb billig in China, auch Schweine- oder Rinderfilet.

Gondelfahrt im Venedig des Ostens.

Wir besichtigen einen 900 Jahre alten Garten mit Namen „Garten des Fischernetzes“, werden mit chinesischen „Gondeln“ durch das Labyrinth des Fischerdorfes Tong Li im Großraum Suzhou geschaukelt und bekommen ein schmackhaftes Mittagessen in einem Lokal, in dem westliche Gäste offenbar selten aufschlagen. Unser letztes Essen am großen Drehtisch. Zum Abschluss geht es dann noch im Motorboot über den Kaiserkanal durch die Altstadt von Suzhou. Ein Ringkanal nimmt hier die Berufsschiffahrt auf, weil der alte Kanal durch die Stadt für große Schiffe viel zu eng ist und bei Hochwassergefahr abgesperrt wird. Auch hier ist man zwar stark auf Touristen eingestellt, aber dennoch erleben wir ein Stück authentisches China. Ein interessanter Abschluss unserer langen Reise. Und kaum sind wir wieder im Bus, beginnt es heftig zu regnen. Es ist halt Monsunzeit. Aber wir sitzen ja im Trockenen.

Am alten Teil des Kaiserkanals ist die Zeit stehen geblieben.

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Tag 52: Shanghai

Im Jinmao-Tower geht es wieder hoch hinaus.

Heute geht’s noch einmal hoch hinaus: Wir fahren auf den Jinmao-Tower auf der Pudong-Insel, dem Finanzzentrum Shanghais. Mit seinen 420 Metern nimmt er sich zwischen seinen Nachbarn, dem Shanghai World Financial Center, im Volksmund „Flaschenöffner“ genannt, und Chinas höchstem Gebäude, dem Shanghai-Tower (632 Meter) fast schon bescheiden aus. Uns reicht’s aber, in 46 Sekunden die 88 Stockwerke hochzurasen. Oben geht es in 340 Metern Höhe einmal um die verglaste Aussichtsplattform.

Dann verlassen wir die Welt der Wolkenkratzer und fahren mit einem chinesischen Bus in eine Seidenfabrik, wo uns eine sehr kompetente und geschäftstüchtige junge Dame in perfektem Deutsch noch einmal erklärt, wie Seide hergestellt wird. Auch wir erliegen ihrem Charme und kaufen zwei Seidenbettdecken. Wir wollen mal testen, ob diese halten, was die Verkäuferin verspricht. Und wir sind beileibe nicht die einzigen, im Ausgang stapeln sich die Decken unserer Mitreisenden. Es wird gar nicht so leicht, alles im Gepäck unterzubringen.

Unglaublich reißfest: Das Gewebe aus Seide lässt sich kräftig dehnen.

Die Seidentücher im Shop sind ziemlich schaurig-bunt, der Reiseleiter des zweiten Busses, der mit einer Chinesin verheiratet ist, kommentiert das so: „Die produzieren eben für den lokalen Markt.“ Die Seidenbettwäsche hingegen sieht superschön aus, kostet aber auch umgerechnet 200 Dollar pro Set. Mittagessen gibt’s gleich nebenan in einem Lokal, in dem nach Maos Lieblingsküche gekocht wird – es steht auch noch eine Mao-Statue neben der Kasse. Weil es vor ein paar Tagen ziemliches Gemaule über das sehr milde Essen der Nordchinesen gab, ist es heute extrascharf.

Auf der Fahrt zum Longhua-Tempel merken wir, wie komfortabel wir es in unseren großen Bussen hatten, die leider schon am Hotel der Rückreisegruppe stehen. Vom Tempel selbst ist nur noch sehr wenig original, er wurde 1954 wiederaufgebaut und 2003 noch einmal modernisiert. Nachdem wir so viele wunderschöne Tempelanlagen gesehen haben, reißt uns diese nicht vom Hocker.

Noch ein Tempel, aber der tausendarmige Buddha ist doch beeindruckend.

Irgendwie ist auch besichtigungstechnisch bei vielen die Luft raus. Deshalb beschließen wir, nur noch in die Altstadt zu fahren, weil etliche shoppen wollen, und das ehemalige französische Gebiet der Stadt auszulassen. In der Altstadt folgt der Kulturschock: alles neue, nachgebaute Gebäude (ein bisschen wie im Europa-Park) mit extrem vielen Shops, dichtem Gedränge und fast unerträglichem Lärm.

In der Altstadt – hier die Zickzack-Brücke – wimmelt es von Touristen.

Klaus und ich wandern einmal über die Zickzack-Brücke, die die bösen Geister von der Altstadt abhalten soll, weil sie nicht um Ecken gehen können, und entdecken direkt dahinter den Eingang zu einem Park. Nach 50 Tagen betreutem Reisen die erste selbstständige Tat: Wir kaufen uns zwei Tickets, Klaus handelt sogar noch einen 50-Prozent-Rentner-Rabatt raus und wir betreten eine sehr schöne Gartenanlage (den Yu-Garten), den ein hoher Beamter 1559 angelegt hat. Die anderen Mitreisenden sind ziemlich neidisch auf uns, als sie das hören.

Beim Rückweg zum Bus fängt es an zu regnen, deshalb sind wir froh, als wir am Hotel ankommen. Ich steige noch in die Badewanne und genieße ein Schaumbad, bevor wir zum Abschiedsessen ins Buffet-Restaurant gehen, wo es wunderbaren rohen Fisch und sehr genießbaren Rotwein gibt. Die ersten Mitreisenden verabschieden sich gegen zehn Uhr, weil ihr Flieger noch in der Nacht geht. Wir sinken in unsere Betten und genießen von dort aus  noch einmal die Skyline von Pudong aus den bodenhohen Fenstern.

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Tag 51: Wuxi – Shanghai

Bei der Ankunft im Nebel: die Skyline von Shanghai.

Wir sind am Ziel. Nach 14107 Kilometern haben wir Shanghai erreicht. Schon vor 12 Uhr stehen wir am Huangpu, dem Fluss, der das alte Shanghai vom modernen Stadtteil Pudong trennt. Aus der alten Uferkante am Bund ist eine breite, einige Meter hohe Promenade geworden, die dem Flanieren und dem Hochwasserschutz zugleich dient. Schließlich liegt Shanghai im Schnitt nur vier Meter über dem Meeresspiegel.

Bewundern die. Wolkenkratzer: unsere Busfahrer (von links) Ruven, Christian und Markus.

Als ich vor 15 Jahren zum ersten Mal hier war, standen auf der anderen Flussseite neben dem Fernsehturm nur wenige Wolkenkratzer. Jetzt ist die Skyline nicht wieder zu erkennen: Dutzende Häuser ragen über den 468 Meter  hohen Fernsehturm hinaus, das höchste, der Shanghai Tower misst 632 Meter. Wir essen in einem Lokal unter der Promenade chinesisch im Szechuan-Stil – recht scharf, aber gut.

Begrüßungskomitee am Fernsehturm Shanghai.

Dann geht es zum Fernsehturm, wo wir schon von einem Begrüßungskomitee und vielen Kameras erwartet werden. Schließlich sind wir „Kulturbotschafter“ aus Shanghais Partnerstadt Hamburg. Wir werden mit Fähnchen und Aufklebern ausgestattet, müssen unsere Transparente fürs Gruppenfoto entrollen (es sollte nicht das letzte sein) und im Inneren des Turms eingie Reden über uns ergehe lassen, Dabei werden wir von den Chinesen, die in Massen auf den Turm wollen (es sind Ferien) bestaunt.

Blick aus 259 Meter Höhe in die Tiefe: Breite Straßen und eine gigantische Brücke für Fußgänger.

Wir bekommen kleine Geschenke und werden mit dem VIP-Aufzug zur Aussichtsebene in 259 Metern Höhe gebracht. Erst geht es in ein 3D-Kino, in dem uns die Mobilität der Zukunft vorgeführt wird. Alles perfekt animiert. Die Chinesen mögen sowas und machen das erstklassig. Schließlich geht es hinaus auf die Plattform, und auch Gitta wagt einen Schritt auf die Glasfläche, durch die man einen atemberaubenden Blick in die Tiefe hat.
Im Hotel, direkt am Fluss gelegen, gibt es ein westliches Menü. Unser chinesischer Reiseleiter „Franz“, der in Shanghai wohnt, stellt uns seine Frau und seine kleine Tochter vor. Zum Ausklang geht es noch einmal zu unseren Bussen vor der Haustür, die am nächsten Tag für die Rückfahrt hergerichtet werden. Die Busfahrer haben Bier gekauft, und wir vernichten die letzten Wodka- und Reisschnapsvorräte aus dem Bordkühlschrank. Gitta und ich genießen dann noch den Blick aus dem Hotel (wir haben ein Zimmer im 20. Stock) auf die glitzernde Skyline.

Und so sieht das Ganze von unserem Hotelzimmer aus aus.

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Tag 50: Nanjing – Wuxi

Die Hochzeitsbilder werden schon Monate im Voraus gemacht umd auf die Einladung geklebt.

Heute geht es an den Tai-Hu-See, einen der fünf größten Seen Chinas. Und weil der ein beliebtes Ziel für Hochzeitspaare ist, erzählt uns unser Führer „Franz“ einiges über chinesische Hochzeiten. Eine kleine Hochzeit hat etwa 180 Gäste, auf dem Land können es aber auch schon mal 1000 werden. Bezahlen müssen das die Eltern der Braut. Es gibt ziemlich strenge Regeln, was vorher und nachher alles zu beachten ist und immer wieder muss der „rote Umschlag“ irgendwo rübergeschoben werden, in dem jeweils eine bestimmte Summe Geld liegt – auch beim Abholen der Braut aus ihrem Elternhaus. Bei einer großen Hochzeit wird eine eigene Buchhalterin engagiert, die alles im Auge behält.

Nicht wirklich alt, aber trotzdem typisch: Details im Innenhof des Restaurants.

In Wuxi essen wir in der wiederaufgebauten Altstadt in einem schönen Restaurant und besichtigen einen typisch chinesischen Garten, der aber ziemlich düster ist. Doch es kommt noch schlimmer. Am See ist es ziemlich dunstig und wir besteigen eine ziemlich abgewrackte Dschunke, auf der es draußen keine Sitzplätze gibt und drinnen extrem stickig ist.

Soeht gut aus, aber es sind nicht nur Algen, die im Wasser des Tai Hu- Sees schwimmen.

Unser „Uigure“ Ruven übernimmt das Steuer.

Und dann geht es los. Das Schiff pflügt durch eine dicke, giftgrüne Suppe mit großen schwarzen Ölflecken drauf. Der See ist total gekippt und stinkt unerträglich. Unser Hotel liegt direkt am See und unser Zimmer hat sogar einen möblierten Balkon, aber an der Balkontür ist ein Schild, man soll wegen der Käfer und Mücken die Türen geschlossen halten. Als wir sie todesmutig trotzdem öffnen, schlägt uns der Seegestank so heftig entgegen, dass wir gern die Tür schließen und ausnahmsweise auch nachts die Klimaanlage laufen lassen.

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Tag 49: Nanjing

Wir haben den Yang Tse überschritten – mit mehr als 6500 Kilometern Länge neben dem Gelben Fluss einer der beiden großen Ströme Chinas. An ihm verläuft die Reisgrenze des Landes. Die Stadt Nanjing, in der wir zwei Nächte bleiben, war im alten China Sitz vieler Kaiser und unter der Ming-Dynastie (1368 bis 1644) mit fast einer halben Million Einwohner eine der größten Städte der Welt. Noch bevor Kolumbus Amerika entdeckte, wurden hier Schiffe gebaut, in denen die Flotte des Genuesers un spanischen Diensten gleich mehrfach Platz gefunden hätte. Doch nach nur 30 Jahren machte ein neuer Kaiser dem kurzen Gastspiel der Chinesen als Seemacht ein Ende und konzentrierte sich wieder wie schon so viele Herrscher vor und nach ihm auf die Abwehr der Feinde im Westen und den Zusammenhalt des riesigen Landes. Nanjing (südliche Hauptstadt) musste den Kaisersitz 1421 an Beijing (nördliche Hauptstadt) abgeben.

In der Stadt der Bäume sind auch viele Radfahrer unterwegs.

Die Stadt lebt heute stark von der chemischen Industrie. Die deutsche BASF ist da stark beteiligt. Nanjing gilt als eine von drei Backofenstädten in China wegen der schwülen Wärme (bis 40 Grad) und der schlechten Luft. Aber das ist alles viel besser geworden, heißt es. Auch hier wurde massiv aufgeforstet. Nanjing wird jetzt „Stadt der Bäume“ genannt, weil statistisch 14 Bäume auf jeden der mehr als sechs Millionen Einwohner kommen (oder sind es doch 9, 12 oder 15? Hier ändern sich Einwohnerzahlen ja schnell, allein schon, wenn man das Umland dazu zählt).

Rikscha-Fahrer im kaiserlichen Gelb warten vor dem Konfuziustempel auf Kundschaft.

Wir besichtigen wieder die Altstadt und dort den Konfuziustempel und erfahren dabei viel über den chinesischen Weisen. Als wir die vielen Glückstäfelchen sehen, die dort von den Einheimischen aufgehängt werden, genügt ein Blick und schon hängen zwei Tafeln mit guten Wünschen für Philipp und Alex an der Wand.

Und schon hängen zwei Glückstafeln für Philipp und Alex an der Wand.

Weiter geht es zum John Rabe-Haus. John Rabe – wer ist John Rabe? In Deutschland kennt ihn kaum jemand, aber der „deutsche Buddha von Nanking“ wird hier verehrt wie ein Heiliger. Als die Japaner 1937 die Stadt eroberten, haben sie die Bevölkerung brutal niedergemetzelt. Zusammen mit Engländern und Amerikanern hat Rabe, der seit 1906 Repräsentant des Siemens-Konzerns in China war, eine Sicherheitszone eingerichtet, in der mehrere Hunderttausend dem Massaker entkamen und er hat darüberhinaus in seinem Wohnhaus mehr als 600 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt. Sehr bewegend. Der Vegleich mit Schnindler ist durchaus gerechtfertigt.

Eier werden kiloweise im Säckchen verkauft.

Ein kurzes Gewitter zeigt uns,dass die Monsunzeit bereits begonnen hat. Bei 32 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit sind wir froh, früh im Hotel zu sein. Aber für einen Espresso gehen wir noch mal raus, auch wenn die Bestellung im Starbucks gegenüber ein echtes Abenteuer ist. Keiner von den jungen Leuten spricht englisch. Auf dem Rückweg gehen wir durch den „Walmart“’ in dem vieles an landestypischen Lebensmitteln offen verkauft wird.
Leider schlafen wir sehr schlecht. Man hat uns offenbar das kleinste Zimmer gegeben – das Bett ist gerade mal 1,5 Meter breit.

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Tag 48: Bengbu – Nanjing

Die Fahrtage werden immer kürzer. Nur gut 200 Kilometer stehen heute auf dem Programm. Dafür erfahren wir, wie es einer deutschen Firma in China ergeht, die hier schon seit 1994 aktiv ist: Bosch Siemens Hausgeräte, kurz BSH. Das Unternehmen, zu dem neben Bosch und Siemens heute auch die Marken Gaggenau, Neff und Constructa gehören, hat hier am Anfang viel Geld gelassen, wie Bernhard Weber aus der Geschäftsführung der chinesischen BSH-Gesellschaft berichtet. Aber inzwischen hat man die Anteile des ursprünglichen chinesischen Partners übernommen, hat 13000 Mitarbeiter im Lande und fünf große Standorte. Mit 12 Prozent muss man sich auch hinter dem Platzhirsch Haier (24 Prozent) nicht verstecken. Neben dem Hauptsitz Nanjing, wo vor allem Waschmaschinen, kleine Haushaltsgeräte und chinesische Kochgeräte hergestellt werden, gibt es ein großes Werk in Chenzhou unter anderem für Kühlschränke, das derzeit groß ausgebaut wird.

Menü aus der Box: In der Kantine des Unternehmens gab es erst mal ein leckeres Essen.

Produziert wird in erster Linie für China, dem schon jetzt größten Markt für BSH. Nach Deutschland gehen aber zum Beispiel Waschtrockner und kabellose Staubsauger, deren Fertigung wir uns ansehen können. Auch die Tassimo-Kaffeebereiter werden hier von Mitarbeiterinnen montiert.
Wir haben viele Fragen und bekommen bereitwillig Auskunft, aber die Details sollen hier nicht langweilen. Einige Unterschiede zu deutschen Gewohnheiten sind aber doch erwähnenswert, So wäscht die chinesische Hausfrau nicht nur zweimal die Woche, sondern mehrmals am Tag und macht dazu viele kleine Häufchen: eines mit der Wäsche für Opa, eines für die Oma, den Mann, die Kinder, eins für Seide, eins für Wolle und so weiter. Und auch der Kühlschrank muss für chinesische Bedürfnisse angepasst werden: kein Butterfach und kein Eihalter, sondern ein großer Behälter für Eier, die kiloweise eingekauft werden. Der vernetzte Kühlschrank, der selbst den Nachschub bestellt, wird hier nach Webers Ansicht viel schneller kommen als in Deutschland. Er rechnet bereits in zwei Jahren damit. Schon jetzt bestellen viele Chinesen Lebensmittel online, die in zwei Stunden geliefert werden. In vielen Wohnblocks gibt es dazu bereits große Postabteile mit Kühlfächern.

Zeigt her eure Füße: Zur Werksbesichtigung gab es Sicherheitskappen.

Was uns überrascht: Geeignetes Personal ist schwer zu bekommen und zwar sowohl Akademiker wie auch einfache Arbeiter. Trotz schlechterer Bezahlung arbeiten viele Frauen lieber im Hotel. Mechatroniker zum Beispiel bildet BSH selber aus in Zusammenarbeit mit einer Berufsschule. In 18 Monaten erwerben die Teilnehmer sowohl einen chinesischen wie auch einen Abschluss von der Deutschen Außenhandelskammer.
Wir sind übrigens jetzt in der Reishälfte Chinas angelangt, Im Norden isst man eher Nudeln, wie wir bei der mittäglichen Suppe fast täglich erlebten. Im Süden dagegen gehört der Reis zum Essen. Die Felder am Straßenrand sind nicht zu übersehen. Der Anbau ist mühsam, wie uns unser Begleiter „Franz“ schildert, und die Produktion reicht auch nicht, so dass China kräftig in Thailand zukauft.

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Tag 47: Xuchang – Bengbu

Heute war Fahrtag, da gibt es nicht viel zu berichten: Abfahrt, Kaffeepause (das heißt, der Bus fährt auf einen Rastplatz, ein Klapptisch wird aufgestellt, der große Kaffeepott kommt raus, jeder schnappt seinen personalisierten Becher und nach 20 Minuten geht es weiter), Mittagessen in einer Raststätte, Weiterfahrt, Ankunft im Hotel. Ein kurzer Rundgang durch die Straßen rund ums Hotel, Abendessen im Hotel, Absacker an der Bar.
Wir fahren jetzt durch immer zivilisiertere Gegenden, vieles ist inzwischen auch lateinisch beschriftet, aber Englisch kann so gut wie niemand, auch im Hotel nicht. Selbst einfache Wörter wie hot oder cold, cup oder glass versteht keiner. Vor einer Shoppingmall gab es einen hippen Laden, der Cappuccino und Latte versprach und vor dem eine Gruppe Jugendlicher stand. Aber keiner von ihnen sprach oder verstand auch nur ein Wort Englisch und einen Espresso haben wir auch nicht bekommen.

Die Ampeln zeigen die Restzeit.

Noch ein Wort zum Verkehr: Verkehrsschilder gibt es hier nur ganz wenige, an großen Kreuzungen gibt es hoch oben eine Ampel, die Rot und Grün zeigt und runter zählt, wie lange noch Grün ist. Alles andere wird untereinander geregelt, jeder fährt, bis er wirklich nicht mehr kann, dann macht er Platz. Unser Fahrer Ruven liebt diese Art des Fahrens.
Die Straßen sind fast überall in den Städten so angelegt: Gehweg, oft Grünstreifen, eine Spur für Roller, Fahrräder, Dreiräder, Grünstreifen, zwei Autospuren, Grünstreifen, zwei Autospuren, Grünstreifen, Rollerspur, Gehweg. Ampeln gelten offenbar für Rollerfahrer nicht, die schlängeln sich einfach irgendwie diagonal über die Kreuzung. Zebrastreifen sind reichlich vorhanden, aber sie gelten nur als unverbindlicher Vorschlag, angehalten wird nur, wenn wir als Gruppe von mindestens zehn Leuten beherzt auf die Straße treten.

Geweg, Rollerspur, Fahrbahn und dazwischen viel Grün: Chinas große Innenstadtstraßen.

 

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Tag 46: Luoyang – Xuchang

3000 junge Kung Fu-Kämpfer bei der morgendlichen Ansprache.

Wer von uns soll heute schreiben? Auf dem Programm steht der Besuch des Shaolin-Klosters, das für seine im Kampfsport geübten Mönche bekannt ist und in den Kong Fu-Filmen eine Rolle spielte. Gitta möchte schreiben, weil sie offenbar fürchtet, dass ich die Vorführung der Studierenden zu ausführlich würdige. Am Ende ist sie dann aber so angetan, dass wir sogar sieben Euro für eine DVD locker machen. Da schreibe ich doch lieber.

Körperberrschung in Vollendung.

Beeindruckend ist das allerdings schon, was uns in einer der Kampfsportschulen geboten wird. Mehr als 30 solcher Schulen gibt es in dem Ort Deng Feng, und die größte davon hat 15 000 Schüler. Wir bekommen eine Vorführung in einer eher kleinen Einrichtung, in der 3000 Kinder und Jugendliche im Kämpfen unterwiesen, aber auch normal unterrichtet werden. Die besten von ihnen liefern eine rasante Show ab, bei der man echt die Luft anhält. Um klein anzufangen, muss ich zu Hause mal üben, wie man Liegestütze auf nur zwei Fingern jeder Hand hinbekommt.

Möchte ich a uch gern können: Liegestütz auf jeweils zwei Fingern.

Nach der Vorführung schauen wir auch noch die Klosteranlage selbst an, die ein ganzes Stück entfernt in schöner Umgebung liegt. Leider ist sie sehr ausgedehnt, so dass wir bei 32 Grad und schwüler Luft wieder mal ins Schwitzen kommen und uns am Ende gern die fast drei Kilometer zum Parkplatz mit dem Elektrobus fahren lassen

Das Shaolinkloster liegt in einer wunderbaren Landschaft.

Ein schnelles Mittagessen unterwegs – Nudelsuppe, was sonst – und es geht weiter die restlichen 150 Kilometer bis zum nächsten Etappenziel Xuchang, das nicht so viel für Touristen zu bieten hat, so dass wir verschnaufen können. Unser Hotel liegt diesmal außerhalb der Stadt an einer heißen Quelle, die man zu einer großzügigen Spa-Landschaft nutzt. Gitta mag ja nicht so gern in heiße Pools und verzichtet auf den Besuch, was sie bereut, als ich ihr von den kleinen Fischchen berichte, die die Hornhaut von den Füßen knabbern. Hätte sie auch gern. Ich kann nur sagen: Es kitzelt, aber ist ganz witzig.
Den Abend lassen wir bei Rotwein auf der Seeterrasse ausklingen – uns geht’s einfach gut!

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Tag 45: Xi’an – Luoyang

Ist das Smog oder nur Nebel? Über weite Strecken ist die Umgebung in Dunst gehüllt.

Ein Höhepunkt jagt den anderen: Nach der eindrucksvollen Terrakotta-Armee vorgestern geht es heute zu den Longmen-Grotten bei Luoyang. Leider sieht man auf der Fahrt nicht viel, es ist extrem diesig und auf unsere Frage, ob das Smog oder Nebel ist, bekommen wir ein typisch chinesisches „Sowohl als auch“ zu hören. Im Bus begleitet uns heute Lars Anke, seit zehn Jahren Leiter der Hamburg-Repräsentanz in Shanghai. Er erklärt uns noch einmal eindrücklich, dass Chinas erstes und wichtigstes Ziel die Einheit Chinas und die Stabilität des Landes ist – dem wird alles untergeordnet. Seine Sicht unterscheidet sich etwas von der sehr positiven Sicht des Journalisten Frank Sieren. Spannend.

Felswand mit Höhlen und 100 000 Buddhastatuen.

Die kleinsten Buddhas sind nur zwei Zentimeter groß.

Und dann kommen wir an den Grotten an. Mehr als 100 000 Buddha-Figuren und Bildnisse sind da in eine einen Kilometer lange Felswand gehauen. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 600 und 900 n. Chr. Die kleinsten sind etwa 2 cm groß, der größte ist 17 Meter hoch. Das diesige Wetter passt eigentlich perfekt zu den grauen Figuren, die aus der Kalkstein-Mauer gehauen wurden. Zum Glück sind sie im Originalzustand und nicht wie vieles andere in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts kitschig restauriert worden. Die Felswand liegt an einem breiten Fluss, gesäumt von Kiefern und Zedern, und es herrscht eine wunderbar morbide Atmosphäre. Da steige ich doch gern treppauf, treppab (die angekündigten 64 Stufen zum großen Buddha waren definitiv gelogen, es waren mindestens doppelt so viele).

Der große Buddha misst stolze 17 Meter.

Am Abend in Luoyang gibt es im Hotel ein festliches Bankett, zu dem auch der Tourismusdirektor des Ortes eine Rede hält und erklärt, wie viele 1-, 2-, 3- und 4-Sehenswürdigkeiten mit abc-Abstufung sie im Ort haben (es sind u.a. 18 4a-Sehenswürdigkeiten).

Das Essen ist eher mittelmäßig, aber es gibt kostenlosen Reisschnaps, dem Klaus auch kräftig zuspricht. Das muss er nachts sehr büßen, der Arme. Aber das lag wohl doch eher am Essen, denn auch Mitreisende, die keinen Schnaps getrunken hatten, bekamen Montezumas Rache zu spüren.

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